Wer unserem Blog regelmässig folgt, erinnert sich vielleicht an den Beitrag vom 25. April 2025, der einen sehr ähnlichen Titel trug. Beim ersten Beitrag habe ich, via Nicole Graf, die Frage nach der Identität der Männer im Titelbild gestellt, die ich dann in den Kommentaren zumindest zum Teil selber beantworten konnte.
Die ganze Sache liess mich aber nicht mehr in Ruhe, weshalb ich mehr und mehr Zeit in weitere Recherchen investierte. Unterdessen weiss ich, dass die zwei Männer Wolfgang Diehl (l.) und Hans Rudolf Katz (r.) hiessen. Sie haben mit Hans Röthlisberger, der später Professor für Glaziologie an der ETH Zürich wurde, im August 1951 diese Expedition durchgeführt und unbeschadet überstanden.
In diesem Beitrag möchte ich darlegen, wie es mir gelang, die Rätsel zu lösen.
Am Anfang stand das Bild unten.

Die meisten Bilder mit den Bildcodes Hs_1458-GK-BG01-0000-0001-F bis Hs_1458-GK-BG01-0000-0065-F, um die es hier geht, zeigen relativ kleine Ausschnitte oder sehr unspezifische Landschaften. Eine der wenigen Ausnahmen ist Hs_1458-GK-BG01-0000-0038-F. Es zeigt wenigstens einige Merkmale, die man auf Landkarten oder Luftbildern wohl finden könnte. Die drei Gletscherzungen, der sehr viel hellere Fels links und zum Schluss auch die Felsnase links der Mitte scheinen eine Verortung durchaus möglich zu machen. Aber wo anfangen?
Moschusochsen
Bei der Durchsicht der Bilder fiel mir natürlich auf, dass einige von ihnen Moschusochsen zeigen. Folglich müssen die Bilder aus dem Verbreitungsgebiet des Moschusochsen stammen. Leider ist das aber riesig, wie die unten stehende Karte zeigt.

Um das Suchgebiet etwas einzuschränken, entschloss ich mich, nur die natürlichen Populationen einzubeziehen. Ein grosser Teil der kanadischen Gebiete sind sehr flach, weshalb ich sie ausschliessen konnte. Am Schluss stellte ich die Arbeitshypothese auf, dass Ellesmere Island, Axel Heiberg Island oder Nord- bis Ostgrönland am ehesten zu den Landschaften passen könnten. Das sind weniger als eine Million Quadratkilometer. Ein Kinderspiel, das mich aber zwei Jahre und viele fruchtlose Versuche kostete.
Kanada
Aufgrund der lappenförmigen Gletscher, die in Kanada häufig zu finden sind, und weil ich auch wusste, dass es auf Axel Heiberg eine Forschungsstation gibt, begann ich meine Suche dort, obwohl das Bildarchiv die Bilder ja klar mit Grönland verortet hatte.
Kanada ist, was Onlinekarten betrifft, eher eine Wüste. Google Maps bietet im hohen Norden eigentlich gar nichts. Auf den Satellitenaufnahmen sind keine Details zu erkennen, und auch die Geländemodelle sind weitestgehend unbrauchbar. Die qualitativ beste Ressource, die ich finden konnte, ist der The Atlas of Canada – Toporama und stammt von der kanadischen Regierung, aber das Produkt ist so leistungsschwach, dass eine effiziente Recherche einfach nicht möglich ist, weshalb ich mich, wider Willen, auf Google verlassen musste. Nach wiederholten Versuchen, die natürlich erfolglos bleiben mussten, hatte ich dann genug. Ich beschloss, mich auf Grönland zu konzentrieren.
Grönland
Glücklicherweise bietet Grönland, wenn es um Onlinekarten geht, deutlich mehr als Kanada. Die Ressource, die ich meistens konsultiere, ist eine kombinierte topographische und Luftbildkarte. Sie enthält ziemlich genaue Karten und zum Teil hochauflösende Luftbilder. Leider bietet diese Karte aber keine Möglichkeit, Koordinaten direkt auszulesen. Ausserdem stösst auch diese Karte im nördlichsten Grönland, wo viele Moschusochsen leben, an ihre Grenzen. Trotzdem habe ich vor allem in Peary Land, das in etwa die Nordostecke von Grönland bildet, viel Zeit investiert. Natürlich blieb auch diese Suche ohne Resultate. Wegen steigender Frustration musste ich mir eine längere Pause gönnen, bis ich mich im April wieder an die Arbeit machte.
Wo gibt es Schweizer, Moschusochsen, Eis und Fjorde?

Natürlich! Auf Ella Ø! Ich frage mich jetzt noch, wieso es so lange gedauert hat, bis ich auf Ella Ø kam. Schliesslich hatte ich im November 2024 an Ernst Hofers Bildern von Ella Ø gearbeitet (Dia_385-15915 bis Dia_385-16014). Er weist in seinem Buch „Arktische Riviera“ immer wieder darauf hin, dass Schweizer Forscher und Bergsteiger dort sehr präsent waren. Ausserdem gab es auf Ella Ø in den 1950er-Jahren eine bedeutende Infrastruktur für Expeditionen. Also fing ich damit an, die weitere Umgebung von Ella Ø abzusuchen. Schon nach einem Tag wurde ich fündig. Das gesuchte Bild mit den drei Gletschern zeigt das obere Ende des Geologfjords, der gute einhundert Kilometer nördlich von Ella Ø liegt. Die Übereinstimmung ist komplett, und Zweifel gab es schon nach kurzer Zeit keine mehr. Der Anfang war gemacht, jetzt konnte es nicht mehr schwierig sein, den Rest der Bilder zu bearbeiten.
Oder etwa doch?
Die Bilder, die in der Sequenz nach dem Titelbild dieses Artikels kommen, waren relativ schnell verortet. Sagen wir mal eine Woche? Doch dann wurde es wieder richtig herausfordernd. Wo wurden die Bilder mit all den Nunatakern aufgenommen? Es schien eindeutig, dass die Wanderung vom Rand des Inlandeises bis zum Strindberg Land führte, aber auch mit dieser Annahme bleibt da noch ganz viel Land übrig, das ich absuchen musste. Als Arbeitshypothese nahm ich an, dass die Expedition dem Adolf Hoel Gletscher gefolgt war. Diese Hypothese stützte sich vor allem auf dieses Bild:

Das schwarze Pünktchen auf dem Eis ist ziemlich sicher Wolfgang Diehl kurz bevor er Strindberg Land erreichte. Der Hintergrund ist ohne Zweifel der Adolf Hoel Gletscher. An diesem Punkt muss ich darauf hinweisen, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht mehr wusste, als was ich aus den Bildern lesen konnte.
Meiner Hypothese folgend überflog ich, natürlich nur virtuell, den Adolf Hoel Gletscher nach Westen. Da gibt es viel Land und tausend Nunataker. Schliesslich fiel mir dann aber auf, dass eines der ersten Bilder in dieser Serie (Hs_1458-GK-BG01-0000-0002-F) einen gefrorenen See am Fuss eines Nunataks zeigt, was sich als sehr wichtig erwies. Mit der Hilfe dieses Sees gelang es mir nach einiger Mühe, den Ajunngilaq1 Nunatak zu identifizieren. Es stellte sich dann heraus, dass die meisten der Bilder, die noch nicht verortet waren, in der näheren Umgebung geschossen worden waren. Folglich war es dann wirklich nicht mehr so schwierig, die Liste vollständig zu machen.
Wo sind die fehlenden Bilder?
Nachdem ich alle Bilder in unserem Archiv verortet hatte, stellte sich diese Frage ganz von selbst. Die Bilder in unserem Archiv zeigen ja nur die Umgebung des Ajunngilaq und dann Strindberg Land. Dazwischen liegen 100 Kilometer Distanz und zwei Wochen Zeit.
Ich wandte mich dem Bildarchiv des Arktisk Institut in Kopenhagen zu und versuchte dort mehr zu finden. Mit dem Suchwort „Strindberg“ fand ich dort Bilder von drei Seen, die alle auf der mir bekannten Route liegen. Als Fotograf war dort ein gewisser Hans Röthlisberger angegeben. Mit einer weiteren Suche nach „Hans Röthlisberger“ fand ich schliesslich die fehlenden Bilder. Die Auswahl enthält auch ein paar Bilder aus Island, aber der grösste Teil dokumentiert die Expedition vom Anfang bis zum Abschluss am Nordfjord.

http://doi.org/10.3932/ethz-a-001414553
Noch immer aber fehlten mir die Namen der anderen Expeditionsteilnehmer. Eine Anfrage bei Rolf Reimann, der die Website polardata.ch betreibt, brachte mich dann auf H. R. Katz. Damit war auch das letzte Rätsel gelöst.
Es ergaben sich dann noch einige Irrungen und Wirrungen, die auf einen Fehler in der Wikipedia zurückgehen. Der dritte Teilnehmer, Wolfgang Diehl, wurde dort mit einem falschen Porträt dargestellt, das mit dem graubärtigen Mann in unseren Bildern ganz und gar nicht übereinstimmt. Pikanterweise stammt das Bild aus unserem Archiv, allerdings ist es bei uns korrekt beschrieben. Ein paar weitere Tage Recherche stellte das dann richtig. Der Mann in Wikipedia war Hans Grimm, Teilnehmer der Schweizer Everest Expedition von 1956, bei der Wolfgang Diehl auch dabei war. Flurina Huonder vom Bildarchiv hat diese Fehler in Wikipedia unterdessen behoben.
Zusammenfassung
Unsere Bilder dokumentieren einen Teil der Katz Expedition vom August 1951. Die Teilnehmer waren: Hans Rudolf Katz (Leiter), Hans Röthlisberger (Schlittenhund, wie er sich selber bezeichnete) und Wolfgang Diehl (bergsteigerischer Berater?).
Der Fussmarsch ist in dieser Karte, die von Katz redigiert wurde, recht detailreich dargestellt:

Die drei Schweizer konnten auf die Unterstützung von Lauge Koch auf Ella Ø und den Expéditions Polaires Françaises zählen. Lauge Koch half mit Flügen zum Start- und vom Endpunkt der Expedition. Ausserdem sorgte er für Unterkunft und Verpflegung vor und nach der Expedition. Die Franzosen warfen die nötige Ausrüstung über Cecilia Nunatak ab, und transportierten die Schweizer dann mit Kettenfahrzeugen über eine grosse Strecke auf dem Inlandeis und kehrten erst um, als sie sicher waren, dass die Schweizer die Nunatakzone sicher erreicht hatten.
Die gesamte Strecke zu Fuss betrug ca. 380 Kilometer. Ein Teil wurde mit Skiern und Schlitten zurückgelegt, die aber schon bald zurückbleiben mussten, weil die Eisverhältnisse zu schwierig wurden. Das gesamte Gepäck wurde aber nicht immer mitgetragen, weil manche Tage ausschliesslich der geologischen Feldarbeit dienten.
Am Schluss der Expedition gingen alle Vorräte aus, und die drei Forscher mussten das letzte Stück von etwa 30 Kilometern mit knurrenden Mägen hinter sich bringen. Trotzdem überstanden aber alle drei dieses Abenteuer ohne Schäden.
H. R. Katz doktorierte 1952 an der ETH Zürich mit „Zur Geologie von Strindbergs Land (NE-Grönland)“ und wandte sich dann der Erdölexploration zu.
Wolfgang Diehl war schon damals ein berühmter Bergsteiger und verschaffte sich in den folgenden Jahren einen noch besseren Ruf als Erstbesteiger von vielen Gipfeln in Grönland.
Hans Röthlisberger wurde später Professor für Glaziologie an der ETH Zürich.
Schriftliche Quellen
Die beste Schilderung, die ich finden konnte, stammt von Wolfgang Diehl:
Akademischer Alpenklub Bern, 46. Jahresbericht, S.12ff
Hans Rudolf Katz:
Ein Querschnitt durch die Nunatakzone Ostgrönlands (etwa 74° n. Br.), Ergebnisse einer Reise vom Inlandeis (in Zusammenarbeit mit den Expéditions Polaires Françaises von P.-E. Victor) ostwärts bis in die Fjordregion, ausgeführt im Sommer 1951. Med. o. G. 144, 8, 65 pp.
Hans Röthlisberger:
Mit der Lauge Koch Expedition 1951 in Ostgrönland. In: 100 Jahre Akademischer Alpenclub Bern 1905-2005, Bern 2005, pp. 228-234. Das Buch lässt sich auch herunterladen.
P.S.
Die Skier wurden später wieder gefunden.

- Die genaue Schreibung unterscheidet sich je nach Quelle. ↩︎


Um die 380 km Marsch über die Gletscher Grönlands zu würdigen: Das entspricht distanzmässig etwa der Wanderland-Route Via Alpina von Liechtenstein durch die Schweizer Alpen bis Montreux, mit vermutlich ähnlichem Höhenprofil – aber mit gewiss weniger Infrastruktur am Weg… Und mit für Thomas gewiss weniger Indizien für die Bildverortung.